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Werner Fritz - Erinnerungen an Traunstein


Werner Fritz:

Erinnerungen an Traunstein

Kindheit und Jugend eines Einundvierzigers


 



Als schönste Stadt auf Erden haben namhafte Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Johannes Freumbichler Traunstein bezeichnet. Für Werner Fritz (geboren 1941) ist es der Schauplatz seiner Kindheit und Jugend, den er hier in Gedanken noch einmal aufsucht. In lebendigen Bildern erinnert der Autor sich an die kleine Stadt in Oberbayern, mit ihren engen Winkeln und sich öffnenden Perspektiven. Voller Witz und Ironie erzählt Werner Fritz von den Menschen, denen er begegnet ist, von Dingen, die ihm passiert sind, vom Glück und Schmerz des Lebens.


Textausschnitt:
Je weiter ich mich von der Kindheit entferne und in die Jugendzeit komme, desto rarer werden die Erinnerungen, die der Rede wert sind und deren Schilderung einen gewissen Unterhaltungswert hat. Ich will versuchen, einige herauszugreifen, die dieser Anforderung noch gerecht werden. Nach der vierten Klasse Volksschule wechselte ich zur Oberrealschule über, so hieß sie jedenfalls damals, beziehungsweise „Gymnasium mit Oberrealschule“ oder so ähnlich. Meine Jahre bis zum Abschluß der mittleren Reife im Jahre 1958 waren gekennzeichnet durch meinen übermächtigen Hang zur Faulheit. So gut wie nie machte ich Hausaufgaben dort, wo sie der Bezeichnung nach zu machen gewesen wären, nämlich zu Hause, sondern stets eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn, indem ich sie von Mitschülern abschrieb. Die damalige Solidarität unter diesen wäre heute, im Zeitalter des Egoismus, auch nicht mehr vorstellbar. Stets am Rande des Existenzminimums bewegten sich meine Fähigkeiten in Mathematik, Physik und Erdkunde. Gerade letzteres zeigt meine Abneigung gegen jedwedes Auswendiglernen von Fakten, denn nichts anderes war Erdkunde damals. Soundsoviel Tonnen Getreide, Wolle oder Erz produziert oder fördert dieses und jenes Land jährlich; mir dergleichen zu merken, war mir zuwider, und ich verweigerte sowohl die häuslichen Studien über diese Themen als auch die Teilnahme am Unterricht. Lieber bohrte ich mit einem Nagel in wochenlanger Kleinarbeit ein Loch durch die Platte des Schülerpults. An unseren Lehrern war im Großen und Ganzen nicht viel auszusetzen. Manche waren uns gleichgültig, andere respektierten wir, einen fürchteten wir gar und mit anderen trieben wir Schindluder. So mit einem Mathematiklehrer, der sich in keiner Weise durchsetzen und Respekt verschaffen konnte und in dessen Unterrichtsstunden die Klasse wahre Tumulte veranstaltete. Ich nahm daran nicht teil, weil mir der Lehrer leid tat. Seine Schwäche war so offensichtlich, daß ich es als menschlich nicht vertretbar fand, diese so rücksichtslos auszunutzen. Auch hier war mein soziales Gewissen weiter fortgeschritten als das meiner Kameraden. In besonders guter Erinnerung ist mir mein Deutschlehrer geblieben, Dr. Alois Guglweid. Er wurde von allen Schülern ob seiner augenscheinlichen Intelligenz zumindest respektiert, wenn nicht geachtet wie von mir. Seine Miene zeigte stets das fast unmerkliche Lächeln des Verstehenden, der um die Schwächen und Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen weiß. Was die deutsche Sprache betrifft, war er unbestechlich und kannte keine Gnade. Es kam meines Wissen nie vor, daß er eine Arbeit mit der Note Eins ausgezeichnet hätte, die Voraussetzung hierfür wäre die reife Leistung eines Schriftstellers gewesen. Einmal hätte ich es jedoch beinahe geschafft. Als Hausaufgabe forderte er eines Tages einen Aufsatz an über das Thema „Wie ich einen Sonntag verbringe“ oder so ähnlich. Was ich hierzu ablieferte, enthielt schon deutliche Hinweise auf meine Neigung zur Satire. Bei der Vorstellung der abgelieferten Arbeiten las er dann meinen Aufsatz der Klasse vor, und ich erinnere mich noch ziemlich wortgenau an seinen Kommentar, als er das Blatt sinken ließ: „Also, es ist doch erstaunlich, was unsere Jungs für Aufsätze schreiben! Ich habe mir lange überlegt, ob ich das mit einem Einser benoten soll. Aber es ging dann doch nicht, weil ein paar Kommafehler drin sind.“ Im Juli 1958 hatte ich es schließlich geschafft, die ungeliebte Schule als etwas zweifelhafter Inhaber der Mittleren Reife hinter mich zu bringen. Zur Feier dieses Ereignisses begab sich die ganze Klasse eines Abends in den „Hanslwirt“, den ich nach dem Genuß von sechs Halben Bier verließ und mehr oder weniger geradlinig nach Hause strebte. Dort wurde mir alsbald elend schlecht und mein Magen erwehrte sich der ihm angetanen Zumutung unter äußerst heftigem Würgen. Als ich mich daraufhin ins Bett legte, verspürte ich einen rasenden Schmerz in der Leistengegend, der nicht nachlassen wollte. Auf meinen Alarm hin wurde ein Arzt gerufen, der auch gleich kam und einen eingeklemmten Leistenbruch konstatierte. Während anständige Leute sich einen Leistenbruch durch das Heben einer schweren Last zuziehen, holte ich mir diesen durch das Heben von unmäßig vielen Halben Bier. Ich kam allerdings noch einmal davon; als sich der Arzt nach unten begab, um einen Krankenwagen zu rufen, massierte ich die schmerzende Stelle mit der Hand. Kurz darauf spürte ich, wie der Darm sich wieder in seine angestammten Gefilde zurückzog und der Schmerz schlagartig aufhörte. Ich blies dann den Alarm gleich wieder ab. Um eine spätere Operation kam ich allerdings nicht herum, ich mußte mich ihr in den 60ern wegen anhaltender Schwierigkeiten doch noch unterziehen. Später leistete ich mir nur noch einmal einen Vollrausch, der dann der letzte meines Lebens bleiben sollte. Ich holte ihn mir auf jenem Berg, auf den der Aufstieg der Sage nach viel weniger beschwerlich verläuft als der Abstieg, nämlich dem Nockherberg zu München, weltbekannt als Ausschankort des Salvator-Starkbiers. Die Linie neun hielt genau vor unserem Wohnblock sowie oben auf dem bewußten Berg. Dort traf ich mich mit Bekannten und konsumierte vier Maß dieses süßlichen und „hinterfotzigen“ Getränks. Auf der Heimfahrt drehte sich die Straßenbahn ständig um mich, und am Ziel mußte ich erst einmal abwarten, bis der Wohnblock wieder vorbeikam. Ich ging dann schnell hinein und fiel die Treppe hinauf. Drei lange Tage war mir daraufhin sterbenselend, und ich nahm mir vor, mich nie wieder sinnlos vollaufen zu lassen. Dabei blieb es dann auch, ich trank künftig nur noch so viel, daß mir ein wenig schlecht wurde. Im schulischen Turnunterricht brachte ich es anfänglich auf keine nenneswerten Leistungen, meist auf die Note drei. Irgendwann erschien mir dies unmännlich oder in sonst einer Form unbefriedigend. Jedenfalls trat ich in den Turnverein ein und erlernte dort nach und nach die Künste des Geräte- und Bodenturnens. Unsere Jugendriege hatte einen ebenso engagierten wie strengen und anspruchsvollen Trainer namens Franz Eyrich, nach ihm ist heute die Turn- und Sporthalle in Traunstein benannt. Zusätzlich zu den ziemlich fordernden Übungen in den Turnstunden trainierte ich daheim mit einem Expander und allmählich formte sich mein Oberkörper zu der damals sehr begehrten V-Form. Im Turnen, seinerzeit „Leibeserziehung“ genannt, hatte ich von da an mindestens die Note Zwei. Die Begeisterung für den Turnsport brachte aber auch eine der großen Enttäuschungen in meinem Leben mit sich. Eines Tages war ein Turnwettbewerb in Obing angesagt, an dem unsere Riege teilnehmen sollte. Ich trainierte eifrig auf dieses Ereignis hin, und als ich dabei einmal vom Hochreck abging, spürte ich einen heftigen Schmerz in der rechten Hand. So gut wie die ganze Haut der Handfläche war auf dem Reck kleben geblieben. Das Turnfest fand jedoch schon einige Tage später statt, und so trat ich dort mit verbundener und handschuhbewehrter Hand zum Turnier an. Zunächst ging alles gut, und ich lag in der Punktewertung deutlich vor allen Mitbewerbern, so im Bodenturnen. Als dann das Barrenturnen an die Reihe kam, sprang ich in diesen ein und rutschte mit meinem Handschuh auf dem glatten Holz sofort nach vorne ab, wodurch ich – natürlich unschön anzusehen – absackte. Ich unterbrach daher und fragte den Punktrichter, ob ich den Eingang nochmals wiederholen dürfe mit dem Hinweis auf meine verletzte und durch den Handschuh nicht voll einsatzfähige Hand. Er zeigte sich jedoch völlig uneinsichtig und teilte mir lapidar mit, dieser Satz werde mit null Punkten bewertet. Daraufhin verließ ich umgehend das Turnfest, begab mich zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause. Später ärgerte ich mich noch darüber, daß ich in der Liste der Sieger bzw. Verlierer als Letzter aufgeführt wurde. Nach meiner Auffassung war ich nicht Verlierer, sondern wegen besonderer Umstände ausgeschieden, und dieser Meinung bin ich noch heute und verspüre auch noch meine damalige Lust, diesem Punktrichter eine saftige „reinzuhauen“. Vor dem Krieg gab es in Traunstein ein großes Orchester, von dem noch ältere Traunsteiner vielleicht mehr wissen, etwa wie viele Mitglieder es hatte. Es waren jedenfalls mindestens dreißig. Nach dem Krieg griffen einige ältere Herren die Tradition wieder auf und probten mit ein paar Mann unter der Bezeichnung „Harmonie“ in einem Nebenzimmer des Traunsteiner Hofbräuhauses. Das Notenmaterial stammte meines Wissens aus der Vorkriegszeit. Am Klavier fungierte ein betagter Herr, der eines Tages ausscheiden wollte, und da jemand von mir gehört hatte, lud man mich ein, dort mitzuspielen. Jener Herr war, wie ich erst viel später erfuhr, eben jener Herr Stapel, der mir Jahre zuvor den ersten Klavierunterricht erteilt hatte. Eines Tages war ich also dort der Pianist, die technischen Anforderungen des Notenmaterials gaben mir keinerlei Probleme auf. Wie die Geigen besetzt waren, weiß ich nicht mehr, ich kann mich nur an zwei Geiger erinnern, es müssen aber mehr gewesen sein, oder die erste und zweite Geige waren nur einmal besetzt. Jedenfalls gab es noch einen Kontrabassisten, einen Flötisten und einen Mann mit der Ziehharmonika. Einer dirigierte, und mir ist bis heute nicht klar, wozu man bei diesem eher kammermusikalischen Häufchen einen Dirigenten brauchte – noch dazu, als dieser der beste Geiger des Ensembles war. Der Zustand des Klaviers entsprach den Anforderungen, die man an ein solches im Nebenzimmer eines Wirtshauses stellt; die Tastatur klapperte erbärmlich, und insgesamt eignete sich das Instrument eher als Brennstoff-Vorrat. Der Flötist forderte mich eines Abends auf, mir endlich mal die Fingernägel zu schneiden – er vermutete, das Klappern käme von diesen. Zu meiner Rechtfertigung verwies ich auf meine stets vorbildlich kurz gehaltenen Fingernägel. Daß wir mehr schlecht als recht spielten, hinderte uns nicht daran, gelegentlich öffentlich aufzutreten, allerdings gaben wir nicht etwa öffentliche Konzerte, sondern spielten bei irgendwelchen Veranstaltungen, bei denen uns sowieso kaum jemand zuhörte. Einmal war dies bei einer Vormittagsveranstaltung in einem Altenheim, und ich erinnere mich, daß ich verschlafen hatte und eine halbe Stunde zu spät kam. Die anderen saßen schon auf Kohlen und waren schon des öfteren gefragt worden, warum sie denn nicht anfangen. Nun stand hier das Stück „Auf einem Persischen Markt“ auf dem Programm, und darin gibt es einen Abschnitt, in dem die zweiten Geiger eine ziemlich flotte Sechzehntel-Partie zu absolvieren haben. Dieselbe Sechzehntelpartie fand sich auch in meinen Noten in der linken Hand, und ich war bei den Proben angewiesen worden, diese Partie sehr langsam zu spielen, weil die zweiten Geiger sonst nicht mitkämen. In meiner Aufregung über das Zuspätkommen aber orgelte ich diese Partie ohne jedwelche entgegenkommende Agogik herunter, so daß die zweiten Geiger passen und die Sache meiner linken Hand überlassen mußten. Ich wurde nachher ob meiner Ignoranz entsprechend getadelt. Ein anderes Ereignis aus dieser Zeit läßt eine genauere Datierung zu, da ich von diesem mit meinem Moped nach Hause fuhr. Ich war demnach schon sechzehn Jahre alt, also war das wohl 1957. Im Herbst 1959 machte ich den Führerschein, und meines Wissens war ich da nicht mehr Mitlglied in der „Harmonie“. Die Zeit der Zugehörigkeit hierzu liegt also irgendwo zwischen 1956 und 1958. Das erwähnte Ereignis fand im Hochwinter statt und zwar nach einer der Proben im Hofbräuhaus. Irgendein Gönner hatte der „Harmonie“ aus nicht mehr bekanntem Grunde eine Flasche „Escorial Grün“ spendiert, und so blieben wir nach der Probe zwar nicht alle, aber wohl zu viert sitzen, um uns diese Gabe zu Gemüte zu führen. Ich weiß nicht, ob es dieses Erzeugnis heute noch gibt, es war jedenfalls eine Art Likör von angenehmem, eigenwilligen Geschmack und verführte dazu, den Heimweg nicht vor endgültiger Erschöpfung des Vorrats anzutreten, was wir denn auch taten. Das Getränk zeitigte indessen eine heimtückische Wirkung auf die Kontrolle des menschlichen Gehirns, was unumschrieben nichts anderes bedeutet, als daß ich reichlich spät und total besoffen die Heimfahrt auf meinem Moped antrat. Draußen hatte es inzwischen stark geschneit, der Schnee lag knietief auf den Straßen. Die Spur meines damaligen Heimwegs, hätte sie jemand verfolgt, bestand in Schlangenlinien, in gewissen Abständen zäsiert von Kratern im Tiefschnee. Meines Wissen ist mir dabei kein einziger weiterer Verkehrsteilnehmer begegnet.

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