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Eva Maria Dörr-Schratt:
Angelo
Der Schulhofengel
Fräulein Lindhofer hatte an diesem ersten Adventsmorgen einen schlechten Start gehabt.
Zuerst war sie beim Aufstehen über Luzifer, ihren rabenschwarzen Kater gestolpert. Danach kippte ihr beim Frühstück das Marmeladenbrot aus den klebrigen Fingern und landete, mit der bestrichenen Seite auf ihrem hellen Kostüm. Weil sie ohnehin etwas zu spät dran war, konnte sie nicht einmal den Fleck richtig einweichen und als sie kurz darauf in großer Eile das Haus verließ, merkte sie, daß sie den Haustürschlüssel in der Wohnung vergessen hatte. Was für ein Tag!
Als sie jetzt in ihre Klasse trat, war ihr überhaupt nicht nach Kerzen und Adventsliedern zumute, aber der kleine Adrian stand bereits mit den Zündhölzern in der Hand am Pult und erinnerte sie daran, daß er heute die erste Kerze entzünden durfte. Julia und Verena hatten ihre Flöten mitgebracht, denen sie allerdings im Moment sehr schrille Töne entlockten.
In der letzten Bank stritten Timo und Christopher um einen schokoladenüberzogenen Keks, der unter ihren Handgreiflichkeiten bereits beträchtlich gelitten hatte. David hielt triumphierend den Scherenschnittstern hoch, den er endlich am Wochenende fertiggestellt hatte und Martina wollte sich über Mattis beschweren, der einen Schneemann in ihr Rechenheft gemalt hatte.
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Angelo starrte sie mit offenem Mund an.
“Angelo, es ist kalt und ich möchte, bevor wir das Schulhaus betreten, deine Flügel”, wiederholte die Lehrerin ungeduldig.
Der Kleine begann ungestüm zu lachen. Er prustete und kicherte vor Vergnügen und - wahrhaftig - er flatterte mit den Flügelchen!
Fräulein Lindhofers Geduld war erschöpft. Sie packte das zappelnde Bündel, nahm ihm die Jacke ab, rollte Pullover und Unterhemd hoch - und erstarrte: Aus schneeweißer, makelloser Haut wuchsen die weißen Federchen, untrennbar mit dem Körper verbunden!
Zwei Möglichkeiten schossen ihr blitzschnell durch den Kopf. Die erste war, daß sie krank war, ohne es bemerkt zu haben und nun unter Halluzinationen litt. Der zweite Gedanke schien so ungeheuerlich, daß ihr schwindelte: Dieser kleine Engel hier war echt!
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